Fall 3: Der Jugendliche
Alter zur Zeit des Mauerfalls: 16
Wohnort am 9.11.89: Hamburg
Wohnort heute: Berlin - Mitte

Erinnerst du dich, wo du am 9.11.89 warst?
Ich saß im Flugzeug von New York nach Frankfurt auf dem Rückweg von einem kurzen Schüleraustausch.

Wie hast du von der (möglichen) Maueröffnung erfahren?
Zeitung im Flugzeug hatte schon Informationen, allerdings ohne Details und etwas ungewiss, dann nach Landung Nachrichten und Erzählungen von Verwandten/Eltern

In den Wochen vor dem 9.11.89 stieg ja die „Unruhe“ in der DDR, was war deine Vermutung, wie sich die Situation entwickelt?
Das Aufgehen der Grenze war für mich unverstellbar. Ich bin davon ausgegangen, dass Krenz abgesägt wird und freie Wahlen in der DDR stattfinden würden. Allmähliche Veränderung bei geschlossenen Grenzen und Fortbestand der beiden Deutschen Staaten, alles andere hielt ich gar nicht für möglich.

Wann warst du ab 9.11.89 das erste Mal im „anderen Teil Deutschlands“, hast du daran besondere Erinnerungen?
Im Januar 1990 war ich auf einer Klassenfahrt nach Westberlin, da haben wir dann natürlich auch Ostberlin besucht. Es gab noch eine Grenze, aber keine nennenswerte Kontrollen. Besonders ist mir der (für mich unangenehme) Geruch nach Kohle im Gedächtnis geblieben, der war im Ostteil noch viel stärker wahrnehmbar als im Westen. Wir waren auch noch in einem „DDR-Lokal“ essen, die Preise in Ostmark waren extrem billig, allerdings fand ich die Cola widerlich und die Auswahl war nicht sehr groß. Im März 1990 war ich dann zu einem Moto-Cross Rennen in Grevesmühlen. Dort habe ich mir bei einem Unfall den Arm gebrochen. Die Situation danach war für mich völlig skurril. Ich wurde mit einem „DDR-Krankenwagen“ (Typ B 1000 SMH) abtransportiert, unterwegs wurde noch ein weiterer Patient aufgelesen. Im Krankenhaus gab es einen uralten Röntgenapparat und es wurde einem beim Röntgen, so wie ich es kannte, auch keine Bleiweste umgelegt. Der Arm wurde ohne Narkose eingerenkt. Ich weiß heute noch nicht, warum ich dann anschließend noch in Vollnarkose versetzt wurde. Auf jeden Fall bin ich erst auf der Rückfahrt nach Hamburg wieder aufgewacht. Der Gips musste dann abends in HH noch mal gewechselt werden, weil er zu eng war.

Hat sich dein persönliches Leben unmittelbar nach dem 9.11.89 geändert bzw. wann fanden für dich wichtige Veränderungen statt?
Unmittelbar danach nicht. Ab 1992 sind wir erstmals zum ehemaligen Familiensitz nach Sachsen gefahren, Großvater hat uns seine alte Heimat gezeigt. Ab 2006 hatte ich dann mehr Kontakte nach Berlin, 2010 Umzug nach Berlin, da war für mich Ost- oder West schon ziemlich egal.

Hattest du Ende 89 /Anfang 90 Vorstellungen, wie sich die politische Situation entwickeln wird?
Der Beitritt hat sich ja dann früh abgezeichnet. Ich bin eigentlich erst einmal von einer längeren Koexistenz ausgegangen und war dann über das Tempo der „Wiedervereinigung“ überrascht. Auch darüber, dass die „DDR Bürger“ so viel von ihrer bisherigen Existenz so gerne aufgegeben haben.