Fall 2: „Ostberlinerin“
Alter zur Zeit des Mauerfalls: 33 Jahre
Wohnort am 9.11.89: Berlin - Marzahn
Wohnort heute: Berlin - Marzahn

Erinnerst du dich, wo du am 9.11.89 warst?
Ich war in Heiligendamm zu einem Kuraufenthalt, bis Ende November.

Wie hast du von der (möglichen) Maueröffnung erfahren?
Wir haben die Informationen übers Radio und Fernsehen erhalten. Handys gab es damals ja noch nicht. Heiligendamm war ein ziemlich abgeschiedener Kurort, direkt haben wir von dem ganzen Trubel nur sehr wenig mitbekommen. Einige Patienten haben vor Freude sofort die Möglichkeit genutzt, mit der Fähre nach Dänemark zu fahren. Sie haben dafür viel Ärger bekommen, weil sie sich „ohne Erlaubnis“ vom Kurort entfernt hatten. Die betreffenden sollten daraufhin auf eigene Kosten nach Hause geschickt. Es gab dann eine Solidaritätsaktion der anderen mit Kerzen, die auch Erfolg hatte und dafür sorgte, dass die „Übeltäter“ bleiben durften. Allerdings haben sich in den nächsten Tagen etliche Ärzte und Krankenschwestern geweigert, die Patienten zu behandeln. Es herrschte große Unsicherheit, keiner wusste noch so richtig, wer „etwas zu sagen“ hatte.

In den Wochen vor dem 9.11.89 stieg ja die „Unruhe“ in der DDR, was war deine Vermutung, wie sich die Situation entwickelt?
Es gab immer mehr Unruhen, die Leute gingen auf die Straße, forderten immer mehr die Reisefreiheit, freie Wahlen, westlichen Lebensstandard. Ich hatte wie viele andere Menschen auch das Gefühl, dass sich was ändern wird und vor allem gehofft, dass es zu keiner Waffengewalt kommt. Meine größte Sorge und Aufmerksamkeit galt meinen Kindern, die damals 10 und 12 Jahre alt waren.

Wann warst du ab 9.11.89 das erste Mal im „anderen Teil Deutschlands“, hast du daran besondere Erinnerungen?
Im Dezember 1989 sind wir das erste Mal über die Heinrich-Heine-Straße in den „Westen“. Es war ein sehr komisches Gefühl, ich war skeptisch und es gab schon etliche Berührungsängste, so hat es auch einige Zeit gedauert, bin ich überhaupt „Begrüßungsgeld“ annehmen wollte. Ein Jahr später war dann die erste Reise nach Westdeutschland, nach Lübeck zum Weihnachtsmarkt. Da hatte man sich schon eher an die neue Situation gewöhnt. Aber es war nicht so, dass man jetzt unbedingt in den Westen wollte. Wir haben heute noch Nachbarn, die meinem Wissen nach bisher noch nicht mal im ehemaligen Westberlin waren.

Hat sich dein persönliches Leben unmittelbar nach dem 9.11.89 geändert bzw. wann fanden für dich wichtige Veränderungen statt?
Unmittelbar nach dem 9.11.89 hat sich nichts geändert, dann später (Ende 90/Anfang 91) neuer Job, neues Auto. Man hatte dann schon die Möglichkeit seinen Lebensstandard zu verbessern. Besonders schwierig war die Situation für die Kinder in der Schule. Dort herrschte großes Chaos. Vieles, was zuvor unterrichtet wurde, galt auf einmal nicht mehr, die Lehrer und Schulleiter waren verunsichert und wussten auch lange nicht, ob sie ihren Job behalten würden. Das war für die Kinder nicht einfach.

Hattest du Ende 89 /Anfang 90 Vorstellungen, wie sich die politische Situation entwickeln wird?
Überhaupt nicht, ich hatte nur gehofft, dass alles friedlich bleibt und man seinen Job behält. Die Kinder haben viel Unterstützung gebraucht. Man konnte nicht ahnen, dass sich die deutsche Einheit so schnell vollzieht, damit hat keiner gerechnet.