Fall 4: Der Pilot
Alter zur Zeit des Mauerfalls: 44
Wohnort am 9.11.89: Rangsdorf bei Berlin
Wohnort heute: Rangsdorf bei Berlin

Erinnerst du dich, wo du am 9.11.89 warst?

Als „INTERFLUG-Crew“ flogen wir am 04.11.89 aktiv ab Berlin Schönefeld die Strecke nach Taschkent, damals Usbekische Sowjetrepublik, dort haben wir die IL-62 an die nächste Crew übergeben, um bis zum Rückflug am 11.11. in Taschkent zu bleiben.

Am 10.11. war ich bei der Gruppe der Crew, die sich für einen Stadtbummel mit dem Hauptziel Bücherkauf entschieden hatten. Auf der Rückfahrt zum Hotel sprach uns ein junger Mann in der Metro an, um zu fragen, ob wir etwas von der Maueröffnung in Berlin wüssten. Wir hielten das für einen üblen Scherz oder auch für eine Attacke des KGB oder der Stasi. Er ließ nicht locker und zeigte uns die „Prawda“, damalige Regierungszeitung in der UdSSR. Auf Seite zwei gab es eine kurze, diesbezüglich Pressenotiz. Richtige Freude kam nicht auf, Misstrauen und Zweifel blieben.

Wie hast du von der (möglichen) Maueröffnung erfahren?

Wieder im Hotel angekommen, haben wir versucht über TV oder Radio mehr zu erfahren, ohne Erfolg, die sowjetischen Staatsmedien brachten keine Berichte, telefonieren war nicht möglich, Satelliten TV gab es noch nicht und einen Kurzwellenradio hatte auch niemand dabei. Erst als unsere Ablösecrew am Abend des 11.11. aus Berlin eintraf, und vom Bummel auf dem Ku – Damm berichtete, war es für uns amtlich und wirklich, letztendlich waren dann ja auch aktuelle Zeitungen an Bord.

In den Wochen vor dem 9.11.89 stieg ja die „Unruhe“ in der DDR, was war deine Vermutung, wie sich die Situation entwickelt?

Über die Westmedien hat man die Fluchtwelle über Ungarn und die Botschaften in Prag und Warschau wahrgenommen, die Montagsdemos wurden immer gewaltiger. In den DDR Medien war die Hilflosigkeit der Führung zunächst „zwischen den Zeilen“ erkennbar. Zunächst gab es die Hoffnung auf eine demokratische Wende in der DDR, spätestens nach Krenz seiner langen und fast inhaltslosen Rede am 03.11.89 war klar, dass die SED Führung dazu nicht in der Lage war.

Wann warst du ab 9.11.89 das erste Mal im „anderen Teil Deutschlands“, hast du daran besondere Erinnerungen?

Beruflich war ich vor dem Mauerfall in vielen westlichen Ländern. Privat war ich dann nach 1961 erstmals wieder am 14.11.89 im Westteil Berlins, um an der gleichen Wohnungstür  in Mariendorf zu klingeln.

 

Hat sich dein persönliches Leben unmittelbar nach dem 9.11.89 geändert bzw. wann fanden für dich wichtige Veränderungen statt?

Es war abzusehen, dass die INTERFLUG abgewickelt werden würde und so habe ich mich auf meinen Ingenieursberuf besonnen und 32 Bewerbungen geschrieben, letztendlich bin ich bei einem Flugzeughersteller in Berlin gelandet. Als Pilot und Service Ingenieur habe ich zwanzig interessante Jahre dort verbracht.

Hattest du Ende 89 /Anfang 90 Vorstellungen, wie sich die politische Situation entwickeln wird?

Ich hätte vermutet, dass es für längere Zeit neben der BRD eine demokratische DDR geben würde. Dass dann alles so schnell in Richtung Vereinigung ging, hätte ich nicht vermutet, im Nachhinein war es sicher richtig, sehr schnell völkerrechtlich anerkannte Fakten zu schaffen um ein Kippen der Errungenschaften zu vermeiden. Es war bei der Kürze der Zeit unvermeidbar, dass Fehler gemacht wurden. Es zählt der friedliche Prozess, es tut ein wenig weh, dass viele Initiatoren der einstigen Bewegung auf der Strecke geblieben sind.